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Gedanken zur Ausstellungsgestaltung

Von Wieland Schmid, Grafiker

Welche Vergangenheit?

Die Räume der heutigen Gedenkstätte KZ Osthofen wurden in dem Zustand aufwändig konserviert, den sie nach Jahrzehnten der Abnutzung und des Zerfalls erreicht hatten. Ramponierte Wände, geflickte Betonböden, uralte Elektroinstallationen - in ihrer sorgfältig gesäuberten und mit einer Art „Schutzfilm“ überzogenen Anmutung vermitteln sie von sich aus schon die Botschaft, dass hier aufbewahrungswürdige „Geschichte“ passiert ist. Doch welche?

Das KZ Osthofen hat nur 16 Monate existiert: von März 1933 bis Juli 1934. Bevor die Nazis hier ein erstes frühes KZ zum Wegsperren der politischen Gegner einrichteten, war es eine stillgelegte Papierfabrik. Nachdem das KZ 1934 geschlossen wurde, zog zwei Jahre später eine Möbelfabrikation in die zeitweise „zweckentfremdeten“ Gebäude ein und blieb bis in die siebziger Jahre. Die Räume tragen „Geschichte“, aber es ist nicht die des ehemaligen KZ. Dessen Spuren sind längst verwischt, übermalt und weggearbeitet worden. Eine Ausstellung in derartigen Räumen darf nicht so tun, als sei hier alles authentische KZ-Zeit. Eine Ausstellung hierüber muss bewusst Abstand halten und sich als Hinzufügung darstellen. So wie auch das NS-Konzentrationslager diesen Räumen „zugefügt“ worden ist.

Ein KZ - Synonym für Massenmord und Gaskammer?

Osthofen steht für den Beginn dessen, was in Auschwitz geendet hat. Einschüchterung, Erniedrigung und Menschenverachtung äußern sich in subtileren Formen, bevor sie sich zu Deportation, Selektion und Ermordung entwickelten. Der Keim ist derselbe: die Gewalt. Sie gilt es bloßzulegen. Eine Ausstellung kann dies durch Form, Farbe und Material unterstützen. Auf subtiler, oft nur unbewusst wahrgenommener Weise formt sie damit die inhaltliche Aussage.

Schöne Ausstellung zu hässlichem Thema?

Menschenverachtung, Gewalt, Mord mit ästhetischen Mitteln darzustellen ist kein Widerspruch, denn es handelt sich um die Ästhetik der Ausstellung, nicht um die Ästhetik der Gewalt. Die „Ästhetik" einer KZ-Ausstellung besteht darin, Gewalt und Erniedrigung mit formalen Mitteln zu diskreditieren - die Ausstellungstafeln „marschieren“ in Reih und Glied; sie besteht darin, den ehemaligen Häftling durch die Präsentationsform nicht noch einmal zu entrechten - nach innen gerichtete Vitrinen schützen die Biographien; sie besteht darin, Terror schon im Alltag sichtbar zu machen - z. B. die riesige Darstellung der mit Hakenkreuzfähnchen übersäten Neustädter Straße.

Lesen und lernen - und begreifen?

Eine Ausstellung ersetzt kein Buch, ist aber auch nicht eine Verkürzung desselben. Die wissenschaftliche Darstellung in einem Buch unterscheidet sich grundsätzlich von der in einer Ausstellung. Vorteile des einen - die schriftliche Darlegung einer ausführlichen Argumentation z. B. - werden in der anderen zum hinderlichen Nachteil: Niemand liest gerne stehend lange Texte. Dagegen kann die Ausstellung komplexe Sachverhalte sinnlich-verdichtet deutlich machen, für die das Buch ganze Abschnitte braucht. Es wird immer wieder Aufgabe von Ausstellungsmachern sein, dieses Verhältnis neu zu definieren und Lösungen zu finden.

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