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21.09.2017

"Über Maus hinaus" - Erfundene und biografische Erinnerung im Genre des Holocaust-Comics

Bildvortrag des Darmstädter Comic-Forschers Martin Frenzel am Dienstag, 24. Oktober 2017, um 18.30 Uhr in der Gedenkstätte KZ Osthofen

m Rahmen des Themenschwerpunktes und der Werkschau „Die NS-Zeit im Comic“, die vom 6. September bis 10. Dezember 2017 in der Gedenkstätte KZ Osthofen zu sehen ist, referiert der Darmstädter Comicforscher Martin Frenzel über erfundene und biografische Erinnerung im Genre des Holocaust-Comic

Zahlreiche Comics sind in den letzten Jahrzehnten im Genre des Holocaust-Comics erschienen, trotzdem liegt der Fokus – vor allem in Deutschland – vorwiegend auf Art Spiegelmans „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ (Originaltitel „Maus. A Survivor's Tale“). In zwei Bänden erzählt Spiegelman darin die Geschichte seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden, beschreibt den Vater-Sohn-Konflikt mit ihm in der Gegenwart, widmet sich aber auch und gerade der Shoah, der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Europas Juden in der Vergangenheit am Beispiel der eigenen Familie. Mit Hilfe des Kunstgriffs der Katz- und Maus-Konstellation schafft Spiegelman den schwierigen Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, indem er auf die Verfremdung des Grauens und kritische Selbstreflexion setzt

Andere Comics zur Thematik hat man – anders als international – hierzulande jahrelang kaum wahrgenommen, lange völlig ignoriert und wenn doch, nur im Vergleich mit „Maus“ und schnell wieder verworfen. Dabei war der 68er Art Spiegelman weder der erste, noch der einzige Comic-Künstler, der den Holocaust im Wege des grafischen Erzählens auf Papier brachte.
Der Darmstädter Comicforscher Martin Frenzel plädiert dafür, den Blick zu öffnen, differenziert an die zum Thema erschienenen Comics heranzugehen, die sich oftmals keineswegs hinter dem Meisterwerk „Maus“ verstecken müssen. Wie groß die Vielfalt des Genres ist, dessen frühe Anfänge Horst Rosenthals „Micky im Lager Gurs“, Edmond-François Calvos „Die Bestie ist tot“ und Bernard „Berni“ Krigsteins Meilenstein „Master Race“ markieren, zeigt eine eindrucksvolle, international vergleichende Retrospektive zum Thema „Shoah et Bande Dessinée“ im Pariser Holocaust-Zentrum Mémorial de la Shoah. In seinem Bildvortrag gibt Martin Frenzel einen Überblick über den Facettenreichtum des Genres Holocaust-Comic – von den Bildgeschichten der Holocaust-Opfer in den Vernichtungslagern selbst über Pascal Crocis „Auschwitz“-Jugendcomic bis Michel Kichkas gelungener europäischer Antwort auf „Maus“, „Zweite Generation – Was ich meinem Vater nie gesagt habe“. Dabei stehen auch die jüngsten Anne Frank-Comicadaptionen im Blickpunkt, etwa Sid Jacobsons und Ernie Colons grafische Biografie „Anne Frank“, die französische Anne Frank-Interpretation „Le Journal d’Anne Frank“ aus der Feder Nadjis (Zeichnungen) und Ozanams (Text), Ari Folmans und David Polonskys neueste Adaption der grafischen Literatur, „Tagebuch der Anne Frank“ (erscheint im Oktober 2017 bei S. Fischer auf Deutsch), und Osamu Tezukas mehrteiliger Manga „Adolf“. Ein neuer Comic der Straßburger Comic-Künstlerin Catel (Muller, Text: Goscinnys Tochter Anne Goscinny) erzählt die Lebensgeschichte des genialen Asterix-Texters René Goscinnys (1926-1977), dessen polnisch-jüdische Familie zu einem Großteil dem Völkermord an Europas Juden zum Opfer fiel. Zudem geht der Bildvortrag der Frage nach, weshalb es im Land der Täter kaum deutsche Holocaust-Comics gibt, stellt die wenigen deutschen Eigenproduktionen dazu vor (Reinhard Kleists „Boxer“, Barbara Yelins „Irmina“). Interessanterweise sind in Deutschland auch beispielgebende Comics über Menschen, die gegen das Nazi-Regime Widerstand leisteten, bis heute eher Mangelware. Den Holocaustcomic gibt es nicht, so Martin Frenzels zentrale These, dafür aber viele verschiedene, facettenreiche Werke – vom Lerncomic für Kinder bis hin zum komplexen Mehrebenencomic für Erwachsene. Gerade diese Vielfalt des Genres erfordert eine dem einzelnen Werk angemessene Analyse und Einordnung – je nach grafisch-literarischer Form, Inhalt, Stil, Inszenierung und Zielgruppe. Wie andere kulturelle Medien auch kann es auch im Comic – ähnlich wie im Film – ebenfalls nur um Annäherungen an das Unsagbare gehen. Das Darstellen des Zivilisationsbruchs Auschwitz, Belzec, Sobibor, Majdanek, Babij Jar stellt immer auch ein Wagnis dar – da geht es dem Comic wie anderen Erzählformen, der Literatur, dem Theater oder dem Kino.

Holocaustcomics stellen im 21. Jahrhundert einen wichtigen Bestandteil moderner Erinnerungsarbeit und Medienpädagogik dar: Gerade für Kinder und Jugendliche, Schüler*innen und Studierende, aber auch in der Erwachsenenbildung eignen sie sich als Zugang zum Thema der Shoah. Insbesondere biografische Holocaustcomics vermögen Saul Friedländers Credo "Gebt der Erinnerung einen Namen" zu verwirklichen. Generell, so Martin Frenzels Credo, eignet sich das Prinzip Bildgeschichte hervorragend, um politisch-historische Inhalte wie das Thema Holocaust in ernsthafter Weise zu behandeln.

Zur Person:
Martin Frenzel, Jahrgang 1964, geboren in Mainz, lebt und arbeitet in Darmstadt, ist Comicexperte, Journalist, Politikwissenschaftler und Historiker (Studium in Mainz und Heidelberg). Er arbeitet seit 2014 als Fachbereichsleiter für politisch-historische und kulturelle Erwachsenenbildung bei der Volkshochschule Darmstadt.
Seit 1981 hat er zahlreiche Beiträge zur deutschsprachigen und internationalen Comic-Forschung im In- und Ausland veröffentlicht sowie Fachvorträge gehalten, nicht zuletzt zum Thema Holocaust im Comic.
Er ist seit 1990 Mitarbeiter des Erlanger Comicsalons, war 1992 Organisator und Festivalleiter der 1. Mainzer Comic-Tage und Gründungsmitglied der Gesellschaft für Comicforschung 2005 in Koblenz. Seit 2014 ist Martin Frenzel Gründer, Herausgeber und Chefredakteur einer ehrenamtlichen Online-Fachzeitschrift für Comic-Kultur und Bildgeschichte „Comicoskop“, einer Website mit News, Porträts, Interviews und Hintergrund-Artikeln, die sich als Kaleidoskop der grafischen Literatur versteht.
Zu seinem Spezialgebiet gehören u.a. das Thema Politik und Geschichte im Comic, insbesondere Holocaust und NS-Verbrechen im Comic. 1990 schlug er in der Erlanger Max-und-Moritz-Preisjury Art Spiegelman für den Spezialpreis vor und kuratierte 1992 während der Mainzer Comic-Tage drei Ausstellungen zum Thema Holocaust und NS-Verbrechen im Comic (Antisemitismus im Comic, Hitler im Comic und Micky Maus/Disney unterm Hakenkreuz). 2003 veröffentlichte er die erste allgemeine deutschsprachige Bestandsaufnahme zum Genre des Holocaust-Comics im Comic-Jahrbuch. 2010/11 erschien seine umfassende Bestandsaufnahme über die Shoah im Comic im von Ralf Palandt herausgegebenen Kompendium „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“. 2014 wurde sein Beitrag über das Genre „Holocaust im Comic“ in der Zeitschrift APuZ der BpB veröffentlicht. 2018 erscheint sein Aufsatz „Shoah im Comic“ im Tagungsband der Grazer Universität: „Religion im Spiegel von Comic und Film“ (Norbert Schüren Verlag Marburg). Er arbeitet an einer Dissertation zum Thema „Das Politische im Comic“.
Mehr Informationen unter www.comicoskop.com
Martin Frenzel ist zudem in der lokalen Erinnerungsarbeit in Darmstadt seit über vierzehn Jahren engagiert und gründete 2011 den erinnerungskulturellen Verein „Förderverein Liberale Synagoge Darmstadt e.V.“, dessen Vorsitzender er seither ist. Mehr über dessen Arbeit unter www.liberale-synagoge-darmstadt.de

Flyer zur Veranstaltung (.pdf/623 KB)


Termin: Donnerstag, 24. Oktober 2017, 18.30 Uhr

Ort: Gedenkstätte KZ Osthofen, Ziegelhüttenweg 38, 67574 Osthofen

Zielgruppe: Alle Interessierten

Veranstalter: Förderverein Projekt Osthofen e.V.

Kooperationspartnerinnen: Landeszentrale für politische Bildung Rheinland Pfalz und Stadt Worms

Kontakt und Anmeldung: Gedenkstätte KZ Osthofen, Tel.: 06242-910810, E-Mail: info@ns-dokuzentrum-rlp.de

Ansprechpartnerin:
Ramona Dehoff (Förderverein Projekt Osthofen e.V.)
Mail: ramona.dehoff@ns-dokuzentrum-rlp.de, Tel. 06242-910825