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Kunst in der Gedenkstätte

Gedenkstättenarbeit und Kunst fordern die Beschäftigung mit menschlicher Individualität. Dialog und Dialektik, Gespräch mit dem Gegenüber und Veränderungen bestimmen den hermeneutischen Prozess. (...) Kunst kann von ihrer individuellen Suche her grundsätzlich keine Tabus als endgültig anerkennen. Sie muß hinterfragen und ausprobieren können. Insofern gestaltet sie offene Räume in den Gedenkstätten. (Volker Gallé, Kunst und Kultur in Gedenkstätte)

Kunst in der Gedenkstätte

Einen völlig anderen Zugang zu den Themen der Gedenkstätte bieten die Kunstwerke, die sich auf dem Gelände befinden. Durch sie kann, auch ohne spezifische historische Vorkenntnisse, der Ort des ehemaligen Konzentrationslagers erfahr- und greifbar gemacht werden. Der Schwerpunkt der Kunst in der Gedenkstätte KZ Osthofen liegt auf der Bildhauerei.

Friedhelm Welge: Sich Windender

Der Bildhauer Friedhelm Welge bei der Arbeit an der Skulptur "Sich Windender", 1991 (Foto: Förderverein Projekt Osthofen)

Von September bis November 1990 arbeitete der Frankfurter Künstler Friedhelm Welge auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrati­onslagers Osthofen. Unter dem Motto „denk steine“ versuchte die dreimonatige Aktion auf vielschichtige Weise das Gelände des ehemaligen KZ und seine konkrete Geschichte ästhetisch offenbar zu machen. Fragmente einer nicht mehr sichtbaren Wirklichkeit sollten erfahrbar werden. So entstanden Objekte, Installatio­nen, Wandbilder und Skulpturen, „Attribute des Alltags“ im KZ aus Fundstücken auf dem Gelände, eine besondere Art der Spurensicherung. Sieben Schalen, sechs davon mit Erde aus Dachau, Mauthausen, Bergen-Belsen, Buchenwald, Neuengamme und Auschwitz gefüllt, standen als „Attribute der Unfaßbarkeit“ in der kahlen Halle des ehemaligen KZ. Die siebente Schale blieb leer, als Symbol für alle anderen Stätten des Leidens, auch für Osthofen. „Schuldzuweisung ist meine Sache nicht“, sagte der Künstler über seine Arbeit, aber „in Osthofen fing Auschwitz an.“Als bleibendes Kunstwerk schuf Friedhelm Welge für das ehemalige KZ Osthofen die Skulptur „Sich Windender“ aus rotem Sandstein. Die gewundene Figur stellt sowohl den Häftling dar, der verzweifelt versucht, sich seinem Leid zu entwinden, als auch den Bürger, der sich abwendet, um das Leid anderer nicht sehen zu müssen.

Fee Fleck: Die Grube

Installation "Die Grube" der Mainzer Künstlerin Fee Fleck

Im hinteren, nicht für die Inhaftierung der Gefangenen genutzen Teil der Halle, in der 1933/34 Häftlinge untergebracht waren, befindet sich heute die künstlerische Installation „Die Grube“ der Mainzer Künstlerin Fee Fleck. Darin arbeitete die Künstlerin die Geschehnisse im ukrainischen Bjelaja-Zerkow auf. Dort wurden im August 1941, im Rücken der 6. Armee, die jüdischen Einwohner durch das SS-Sonderkommando 4a erschossen und in Gruben verscharrt. Etwa 90 jüdische Kinder blieben elternlos und ohne Versorgung in einem leerstehenden Gebäude zurück. Ihr Wimmern war Tag und Nacht zu hören. Ein Versuch zur Rettung scheiterte und so wurden auch die Kinder, mit Billigung der Wehrmacht, durch die SS erschossen. Die Lichtinstallation, kombiniert mit einer Tonbandsequenz einer Zeugenaussage zu den Vorgängen in Bjelaja-Zerkow dokumentiert eindrucksvoll das schreckliche Ausmaß des Terrors der Nationalsozialisten.

Fünf Steinmale: Künstler gegen Gewalt

Im Sommer 2000 arbeitete auf Initiative des Fördervereins Projekt Osthofen und durch finanzielle Förderung durch die Landeszentrale für politische Bildung das Bildhauersymposium „Künstler gegen Gewalt“ auf demGelände der Gedenkstätte. Die Bildhauer Hans-Otto Lohrengel, Bernhard Mathäss, Peter Schilling, Achim Ribbeck und Bernd Kleffel arbeiteten fünf Wochen lang an fünf Steinquadern direkt neben der Halle, in der während der Zeit des Konzentrationslagers die Häftlinge eingesperrt waren.

Jeder Bildhauer setzte das gestellte Thema „Gewalt“ auf seine Art und Weise um und verarbeitete die Eindrücke, die der Ort auf ihn machte. Fast 2000 Menschen besuchten in dieser Zeit die Gedenkstätte, begleiteten den Entstehungsprozess und besuchten die Ausstellung in der großen Halle. Bis heute sind die fünf Skulpturen ein besonderer Anziehungs- und Anknüpfungspunkt beim Rundgang über das Gedenkstättengelände.

Wechselnde Ausstellungen in der Gedenkstätte

1999     Hubertus Giebe: Geschichtsbilder. Memorial

2005     Bernd Koblischeck: Menschen und Plätze

2009     Hulusi Halit: This is my Land

2010     Winfried Saur: Auch ... hätte einen Stern getragen

2010     Tomi Ungerer: Gedanken bleiben frei

2010     Edouard Steegmann: La Langue confisquée - Die geraubte Sprache

 

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